Ein Buchbinder auf Wanderschaft

nach Hubert Fischer-Bernard

Nachdem Carl Joseph Ferdinand Fischer seine Buchbinderlehre bei Henne auf der Kupferschmiedestraße in Breslau beendet hatte, trat er am 2. Februar 1825, morgens um 10 Uhr, seine Wanderschaft an.

Zwinge
Historische Buchbinderzwinge im Familienbesitz

Sein Lehrherr Henne, ein Kollege Doernig und ein Freund von ihm namens Lasky, ein Goldarbeiter, gaben ihm das Geleit. Sie gingen bis „Zum letzten Heller“, wo sie noch zusammen Kaffe tranken, mit. Das war gut eine Stunde zu Fuß. Dort nahmen sie Abschied. Lasky begleitete Carl J. F. noch bis nach Lissa.

Dann zog Carl J. F. Fischer allein weiter. Abends war Carl J. F. Fischer in Neumarkt, wo er seinen lieben Pflegevater Mejack besuchte und eine Woche bei ihm blieb. Dann ging er über Schweidnitz, Strehlen, Grottkau, Oppeln, Beuthen, Neustadt, Neiße, Ottmachau, Patschkau, Wartha wieder nach Schweidnitz. Von da über Waldenburg, Friedeberg nach Stettin, Berlin, Potsdam, Magdeburg, Bernburg. Hier war eine längere Unterbrechung. Dann wanderte er weiter nach Braunschweig, Hildesheim, Goslar, Halle, Leipzig, Meißen, Dresden, Bautzen, Bunzlau, Liegnitz, Neumarkt, Breslau. Nach einer weiteren längeren Unterbrechung in Breslau ging es weiter nach Oppeln, Tarnowitz, Brieg, Ohlau, Breslau, Groß Wartenberg.

In Tarnowitz hielt sich Carl J. F. Fischer häufig bei dem Postverwalter Dittrich und seiner Familie auf, was zu einer dauerhaften Freundschaft zu allen Familienmitgliedern geführt und ihn immer wieder dort hin gezogen hatte.

            Wir sehen also, dass sich Carl Joseph Ferdinand Fischer ein schönes Stück Land erwandert hat. Wir müssen dabei bedenken, dass damals noch viele kleine Staaten bestanden, also dabei auch viele Landesgrenzen zu überschreiten waren.

            Carl J. F. Fischer war so lange fort, dass sich die Verwandten und Bekannten in seiner Heimat Sorgen machten. Ein langer Brief der Familie Dittrich aus Tarnowitz endete mit den Sätzen:

„Wie ich Dir schon früher geschrieben habe so auch nochmals. Sollte Dir, was der Himmel verhüten wolle, irgendeinmal ein Übel zustoßen, wo Du meine Hilfe und Rath bedarfst, so zaudre nicht, sondern schreibe ungesäumt, und was meine Kräfte vermögen, werde ich zu thun nicht unterlassen.“

            In Hildesheim, damals Königreich Hannover, arbeitete Carl Joseph Ferdinand Fischer vom 19. März 1828 bis zum 14. September 1835, also immerhin über 7 Jahre lang bei dem Obermeister Goede als Buchbindergeselle und lernte dort in dieser Zeit seine spätere Braut Marie Wilhelmine (Caroline) Schröder kennen, die aus Bödexen, damals Königreich Preußen/Regierungsbezirk Minden/Kreis Höxter, stammte, wo ihre Eltern wohnten.

Marie Wilhelmine Schröder war am 6. September 1809 geboren,  am 8. September 1809 getauft, und war jetzt von Michaelis 1830 bis Ostern 1835 ununterbrochen als Magd bei dem Advokat Friedrich Anton Klinghardt in der Brillo Straße in Hildesheim angestellt.

            Carl J. F. Fischer sollte in dieser Zeit in der Heimat seinen Militärdienst ableisten. Nach entsprechenden Aufforderungen aus der Heimat schickte Carl J. F. Fischer Bescheinigungen über sein Arbeitsverhältnis und seinen Gesundheitszustand „zur Beruhigung des scharfen Herrn Landrates“ nach Hause.

Liebesbrief
Geburtstagsbrief des Buchbinders Karl Joseph Ferdinand Fischer an seine Verlobte Wilhelmine Schröder, 1834

"Zu Deinem Wiegenfeste heut, mögen Engel Dich umschweben

Alles was Dein Herz erfreut, Sei vom Himmel Dir gegeben.

Gesundheit und Zufriedenheit, begleite Dich durchs Leben

Und Engel mögen jederzeit Mit Frohsinn Dich umschweben.

Das Glück bleibe stets bei Dir Das ist mein Wunsch für Dich,

Und die Hoffnung lasse mir, Sie heißt – Liebe mich.

Am 8ten September 1834

gewidmet von Deinem Karl"

Carl J. F. Fischer hatte inzwischen mit seiner Braut Marie Wilhelmine Schröder alles Nötige besprochen. In Hildesheim konnte er nicht bleiben, er musste sich eine Existenz aufbauen. In Neumarkt und in Tarnowitz hatte er zu regeln, was ihm seine Eltern hinterlassen hatten.

Sein bisheriger Arbeitgeber Göde in Hildesheim versprach ihm erneute Anstellung für den Fall seiner Rückkehr nach Hildesheim.

Also hieß es Abschied nehmen. Seiner geliebten Marie W. versprach er, wenigstens monatlich einen Brief an sie zu schreiben.

Carl J. F. Fischer hatte sich von einem starken Haselstrauch einen dicken Stock abgeschnitten und beschäftigte sich damit, sich daraus für den Rückweg einen Wanderstock zu machen. Dass der Stock über 100 Jahre halten und dann wieder denselben Weg zurück machen würde, hat Carl J. F. Fischer damals nicht gedacht.

Am Donnerstag, den 17. September 1835 kehrte er Hildesheim den Rücken und ging Richtung Heimat, um drei Wochen später am Sonntag, den 4. Oktober 1835 in Neumarkt einzutreffen.

            Nach Aufenthalten in Neumarkt, Breslau und Tarnowitz schreibt Carl J. F. Fischer erst am 12. März 1836, also ein Vierteljahr nach seinem Abschied, einen ausführlichen Brief an seine Braut, in dem er die Erlebnisse seiner Heimreise und die Schwierigkeiten seiner Erbschaftsregelungen schildert. Aber diesen Brief hat Carl J. F. Fischer auch erst Ende April abgeschickt, denn er schreibt in einer Ergänzung, dass er am 8. April einen Brief vom Stadtgericht mit einem Termin für den 29. April erhalten habe, und diesen Termin erst abwarten müsse, um auch darüber zu berichten!

            Marie W. Schröder antwortete an Carl J. F. Fischer bereits am 12. Juni 1836. Dabei ist zu berücksichtigen, dass Marie W. des Schreibens nicht besonders mächtig war. Carl J. F. Fischer hat ihr häufig zugesprochen, das Schreiben regelmäßig zu üben. Bei den Briefen ist es jedoch meistens nicht über die Anschrift und die ersten Zeilen hinausgegangen, der nachfolgende Text wurde regelmäßig von anderen Personen nach Diktat geschrieben, so wie Marie W. es in ihrem Dialekt aussprach.

Die Eltern von Marie Wilhelmine wohnten in Bödexen, nahe Höxter, in dem Haus mit der Nummer 74, einem großen Fachwerkhaus, in dem Marie Wilhelmine geboren war. Ihr Vater Johannes Schröder war Zimmermann. Er hatte in Bödexen gute Arbeit. Nur die Mutter kränkelte sehr, sie starb am 12. Februar 1837(?), ohne dass Marie Wilhelmine sie noch einmal besuchen konnte.

Nach dem Tode der Mutter bat der Vater seine Schwester Anna Katharina in Hildesheim, bei der Marie Wilhelmine wohnte, Marie Wilhelmine möge nach Hause kommen, um nach dem Tode ihrer Mutter ihren kranken Vater zu pflegen und den Haushalt zu besorgen.

Der Kaufmann F.W. Grave in Hildesheim, bei dem Marie Wilhelmine nun in Stellung war, antwortete höflich aber bestimmt, dass diesem Ansinnen nicht entsprochen werden könnte, und begründete seine Ablehnung mit den „schwächlichen Gesundheitsumständen“ und dem „elfjährigen Aufenthalt in dem städtischen Haushalt der Demoiselle Schröder“ in Hildesheim, der Anna Katharina, Schwester des Vaters.

Politisch drohte in dieser Zeit manches Unheil. Herzog Wilhelm, der nach der Flucht seines Bruders Karl von Braunschweig die Regierung in Hannover in die Hand genommen hatte, schien den Anforderungen nicht gewachsen. Preußen stichelte und plänkelte hinüber und herüber. Und Carl J. F. Fischer lebte ja in Preußen. So übernahm Marie Wilhelmine Schröder nach vielem Überlegen und Beraten mit ihrer Tante in Hildesheim, sowie mit Herrn Göde und Professor Bertram die preußische Staatsangehörigkeit und fasste den Entschluss, ihrem geliebten Carl J. F. zu folgen.

Für Carl J. F. Fischer und für Marie Wilhelmine Schröder waren nun viele Vorbereitungen für eine  Übersiedlung nach Schlesien zu treffen. All dies fiel ihnen nicht leicht. Aber was sollten sie machen? Und auch Carl J. F. Fischer musste nun viele Vorbereitungen treffen, um seine junge zukünftige Frau in ein gutes Heim einzuführen und sich eine geordnete Existenz aufzubauen.

            Die Verhältnisse ließen ihn in Groß Wartenberg Fuß fassen. Das bedeutete, dass er dort das Bürgerrecht erwerben musste. Es blieb ihm keine Zeit, seiner Braut lange Briefe zu schreiben.

Ende 1837 beantragte Carl J. F. Fischer das Bürgerrecht von Groß Wartenberg. Für die Ausfertigung des Bürgerbriefes hatte er ½ Thaler (15 Silbergroschen) zu zahlen.

Der Bürgerbrief enthielt folgenden Text:

Wir Bürgermeister und Rath der Stadt Wartenberg thun kund und bekennen hiermit, dass der Buchbinder Carl Joseph Ferdinand Fischer, nachdem er die nötigen Erfordernisse nachgewiesen, seinem Ansuchen gemäß zum Bürger hiesiger Stadt angenommen worden ist. Und da derselbe durch nachfolgenden heute vor uns abgeleisteten Eid:

„Ich, Carl Joseph Ferdinand Fischer schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden daß Seiner Königlichen Majestät von Preußen, meinem Allergnädigsten Herrn, ich unterthänig treu und gehorsam sein, meinen Vorgesetzten willige Folge leisten, meine Pflichten als Bürger gewissenhaft erfüllen und zum Wohl des Staats und der Gemeine, zu der ich gehöre, nach allen meinen Kräften mitwirken will, so wahr mir Gott helfe zur ewigen Seligkeit. Amen!

die getreue Erfüllung aller bürgerlichen Pflichten angelobt hat, so erklären wir gedachten Carl Joseph Ferdinand Fischer aller Rechte und Wohlthaten, welche einem Wartenberger Bürger zustehen, hierdurch gleichfalls für theilhaftig und genießbar, so lange er sich dessen nicht unwürdig zeigt, gegen Jedermann kräftig zu schützen.“

Urkundlich zum öffentlichen Glauben unter dem StadtInsiegel ausgefertigt.

  Wartenberg, den 15. Januar 1838

                                      Siegel

                                 Bürgermeister und Rath

                                          Unterschriften

Bürgerbrief für den

Buchbinder Carl Joseph Ferdinand Fischer.

Nr. 24 / 138

Erste Überlegungen, Marie Wilhelmine Schröder möge allein nach Groß Wartenberg zu Carl J. F. Fischer kommen, wurden verworfen, da man sich um die Sicherheit von Marie W. und des Reisegepäcks ängstigte.

Nach vielen Vorbereitungen, die für Carl J. F. Fischer aus der Ferne zu erledigen waren, fuhr Carl J. F. Fischer mit der Postkutsche nach Hildesheim, um am 15. Mai 1838 in der St. Godehardikirche in Hildesheim seine Braut Marie Wilhelmine Schröder zu heirateten. Mit der Postkutsche fuhren sie gemeinsam wenige Tage nach der Hochzeit zurück und erreichten nach 4 ½ Tagen Groß Wartenberg.

Die Sachen der Marie Wilhelmine wurden mit einem Spediteur gesondert geschickt. Die Frachtkosten betrugen für 1 Koffer mit gebrauchten Kleidern und Wäsche Brutto 183 Pfd Ztr 1 5/8: 6 Thaler und 13 Sbg.


übersicht Aus dem Leben von Carl Joseph Ferdinand Fischer Nächster Teil